Was hat der Jakobsweg mit Unternehmertum zu tun? Teil 1/2
Freitag, Februar 26th, 2010„Ich bin dann mal kurz weg!“ So ähnlich tönte es bei mir Ende August 2009, als ich für die Mitarbeiter ohne Vorwarnung und in Wanderkluft im Büro auftauchte, mich verabschiedete und einen 2300km langen Marsch nach Spanien begann. Mit diesem Post möchte ich meine Beweggründe, Erlebnisse und Eindrücke aus 4-monatiger Pilgeschaft teilen, evtl. den Einen oder Anderen inspirieren, sowie aufzeigen, warum “Pilger”-tum sich nicht unbedingt von “Unternehmer”-tum unterscheiden muss .

Roman & Nelson
Knapp 2.5 Jahre im Start-up Groove, angefangen mit Bierideen, Gründung, Ideenentwicklung und Firmanaufbau, Minimallöhne, 60h Wochen, totale Hingabe, diverse Nervenkriege um Finanzen und Investoren, Salesdruck und nochmal Salesdruck sowie der unbedingte Wille mich als Unternehmer zu „beweisen“ hatten mich mitte 2009 an den Rande eines Nervenzusammenbruchs geführt.
Ich war dunnhäutig, reizbar und fühlte mich für alles und alle verantwortlich und konnte meinen Kopf nicht mehr „abstellen“. Wir waren mit Suxedoo.ch toll und erfolgreich unterwegs, hatten uns im CH-Werbemarkt etabliert, und wuchsen zur grössten Online-Tombola im Netz. Wir hatten gerade einen sensationellen Verkäufer eingearbeitet, der innerhalb weniger Monate alle Erwartungen massiv übertroffen hatte und das Gründerteam arbeitete und funktionerte gut. Trotzdem: ich war ausgepowert und fing an Fehler zu begehen, Leuten auf die Füsse zu treten (dafür entschuldige ich mich), mich komisch zu benehmen und ich merkte, es muss sich was ändern. Im August dann hatte ich endlich das Gefühl, Suxedoo.ch sei allmählich erwachsen und soweit stabil, dass ich nun delegieren muss/kann und mich irgendwie regenerieren sollte. Ich hatte das Bedürfnis, wieder “Back to Basics” zu gehen – körperlich, geistig und seelisch. Mal einen Systemcheck durchführen und meine Werte, Ideen und Grundsätze zu durchleuchten. Wie, das wusste ich schon zum Zeitpunkt als ich vor 4 Jahren (angefangen mit dem Hype um Hape Kerkeling und sein Pilgererlebniss), das Buch “Auf dem Jakobwseg“ von Paulo Coelho gelesen hatte. Ich wollte den „Camino de Santiago“ begehen! Ursprünglich ein religiös bedingter Pilgerweg – immer vor der Haustüre beginnend und in Santiago de Compostella endend – hat sich der Jakobsweg mittlerweile zu einem echten Geheimtipp für Leute entwickelt, die auf der Suche nach Ruhe, Einfachheit und Natur sind. Leute die sich Zeit nehmen möchten zum Nachdenken – über Vergangenes und über das was noch vor uns liegt. Leute (und Unternehmer) die Körper, Geist und Seele was Gutes tun möchten.
Im August passte dann irgendwie alles, und es schien förmlich so, als ob mich der Weg ruft! Im TV liefen Dokus, im Radio Stories und in Zeitschriften erschienen Artikel über das Pilgern! Ich suchte also das Gespräch mit dem Verwaltungsratspräsidenten & Partner Urs Käppeli (Urs war ein Jahr zuvor zum Team gestossen und half strategisch mit bei Suxedoo) – und wir beschlossen, dass wir eine Abwesenheit meinerseits verantworten können und er für mich 4 Monate in die CEO-Hosen steigt und Suxedoo während dieser Zeit operativ führt. Es konnte also losgehen: Sabbatical-Entscheid gefällt – 9 Tage später machte ich mich auf, den Challenge zu Fuss über 2321 km nach Santiago de Compostella zu meistern. Mit dabei: mein bester Buddy Nelson (mein 5 Jähriger Rhodesian Ridgeback), 26kg Gepäck, keine Vorbereitung, ein Führer, selbstauferlegtes Budget von bescheidenen 300 CHF/Woche, keine Kreditkarten, keine Kondition und viel Respekt.
Von Wittenbach gings übers Appenzellerland Richtung Wattwil, Rapperswil, Einsiedeln in die Innerschweiz – via Interlaken und Thun in die Romandie und schliesslich durch Lausanne und Genf nach Frankreich. Durch das Rhonetal nach Le Puy-en-Velay, wo ich auf den “traditionellen” Jakobsweg gestossen bin und dem ich bis zu den Pyrenäen folgte und überquerte. Danach immer gen Westen (und gegen den Wind) über Pamplona nach Burgos und Leon nach Santiago de Compostella. Ich erlebte tolle Begegnungen, viele Wunder, Schmerzen, Regen, Sonne, Hochs und Tiefs und vorallem viele Abenteuer. Einmal wurde Nelson “verhaftet” , weil ich mit einem ETA-Seperatisten Streit bekam und dieser die Polizei verständigte. Als die Polizei mir beschied, dass Nelson ein „Kampfhund ohne Maulkorb“ sei (und das ist er nicht..), sie ihn also mitnähmen und einschläfern würden – griff ich verzweifelt zu einer Notlüge und konnte die Polizei überzeugen, Nelson sei ein „Epilepsiespürhund“ und für meine Gesundheit unabdinglich. Er müsse zu jederzeit an meiner Seite sein. Es hat geklappt und sie liessen uns gehen… Da in Spanien Hunde nirgends und in keiner Herberge, ÖV’s oder Hotels erlaubt sind, habe ich dann natürlich auf diesen “Trick” zurückgegriffen – und konnte so meine lebende Wärmedecke allabendlich bei mir haben und in jedes Restaurant mitnehmen. Jakob mag mir verzeihen!
Nacht 4 Monaten und ca. 2.5 Millionen Schritten bin ich dann am 17. Dezember glücklich, erholt und um einige Erfahrungen und Erkenntnissen reicher in Santiago des Compostella angekommen. Ein unglaubliches Experiment und Erlebniss!
Nun, die gesamte Reise detailliert zu beschreiben würde den Rahmen dieses Posts natürlich sprengen, und werde ich gegebenenfalls nachholen. Zudem sind wir hier in einem „Start-up Blog“ und deshalb möchte ich im 2. Teil meines „Pilgerberichts“, am Montag, meine Keylearnings sowie die Parallelen der Reise zum Unternehmertum aufzeigen – schöner könnten die Vergleich nämlich nicht sein. Zudem möchte ich erläutern, wieso meine Rückkehr zu Suxedoo leider kein Happy End nahm… ich aber bereits wieder frohen Mutes bin.
Damit ihr euch jetzt schon ein Bild meiner Reise machen könnt – hier einige Eindrücke, Gedanken und Impressionen zu meinem persönlichen Camino de Santiago:
























